LaWa*
Die Presse
Gelting/Dithmarschen/Hamburg: Rekord-Überschwemmungen nach Regenmassen
vom 6. September 2011
Schwere Regengüsse haben am Sonntagabend die Feuerwehren in Schleswig-Holstein und Hamburg auf Trab gehalten. In der Hansestadt waren die Stadtteile Harburg, Bergedorf und Wilhelmsburg besonders schwer betroffen. In Wilhelmsburg stand ein Reetdachhaus in Flammen, nachdem ein Blitz eingeschlagen hatte. Ein 17-jähriger Bewohner musste mit einer Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus gebracht werden. In Schleswig-Holstein war die Feuerwehr in den Kreisen Schleswig-Flensburg, Steinburg und Dithmarschen im Dauereinsatz. In Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen) wurden ganze Straßenzüge überflutet, die Feuerwehr pumpte bis in die Morgenstunden Keller aus und Straßen frei.
Besonders schwer traf es die Region um Gelting (Kreis Schleswig-Flensburg). Die erste Alarmierung erreichte die Freiwillige Feuerwehr am Sonntagabend gegen 18 Uhr, am nächsten Morgen waren die Helfer gegen 10 Uhr immer noch im Einsatz. Insgesamt waren an die 350 Feuerwehrleute aus allen Wehren des Amtes ausgerückt, um die Gemeinde vor dem Schlimmsten zu bewahren. Sandsäcke wurden verteilt, Keller leergepumpt, Türen mit Holzbrettern verriegelt. Am Montagmorgen stand Gruppenführer Daniel Sörensen auf der Kreuzung der B199 und blickte auf die bis zu 1,20 Meter hohen Wassermassen in den Seitenstraßen Norder- und Süderholm. Abgesehen vom Regen hatte er mit einem weiteren Problem zu kämpfen. "Die Au ist über die Ufer getreten", sagte Sörensen. "Und die Rohrleitungen können das Wasser nicht mehr aufnehmen. Jetzt müssen wir einfach abwarten." Am frühen Abend rückte schließlich das THW mit zwei riesigen Pumpen an. Über eine Schlauchleitung wurde das Wasser zunächst in ein künstlich angelegtes Becken gepumpt, von dort weiter in Richtung Ostsee - das berichtete Geltings Polizeihauptmeister Holger Schlömer. Seine Kalkulation: "Es wird 24 bis 36 Stunden dauern, bis das Wasser wieder ganz verschwunden ist." Erst danach könne man den entstandenen Verlust einschätzen. Schlömer sprach aber bereits gestern von einem Schaden in Millionenhöhe.


700 Meter Schlauchleitungen gelegt
In Kronsgaard versuchten die Einsatzkräfte mit Großpumpen ein Untergehen diverser Campingfahrzeuge zu verhindern. Die angerückte Feuerwehr musste resignieren. Die Leitstelle forderte schweres Gerät an, das THW rückte mit einem Großaufgebot an und begann mit dem Auslegen von rund 700 Meter Schlauchleitungen. Sie begannen, dier schier unvorstellbaren Wassermassen vom Campingplatz direkt in die Ostsee zu leiten. Der Einsatz wird wohl noch den ganzen Montag dauern.
Die B199 musste in der Nacht zwischen Kappeln und Flensburg bei Gelting gesperrt werden. Rund 60 Zentimeter hohes Wasser machte das Fahren hier unmöglich. Hunderte Sandsäcke wurden angefordert und teilweise vor Ort befüllt. Einheiten des THW versuchten in Gelting die Wassermassen im Klärwerk abzupumpen, um den Pegel zu senken, damit in den umliegenden Ortschaften wieder etwas Wasser abfließen konnte.
Feuer nach Kurzschluss im Keller
Wegen eines Kabelschadens durch den Wassereinbruch geriet der Keller
eines Wohnhauses bei Gelting in Brand. Die Feuerwehr konnte größeren Gebäudeschaden verhindern.
Besonders schlimm traf es die Gemeinde Lehbeck, die beinahe vollständig unter Wasser stand. Die Ortsdurchfahrt war unpassierbar, die Feuerwehr kam gegen die Wassermassen nicht an. In der Nähe von Stenderup drohte ein Gastank auf einer Wiese neben einem Bauernhof aufzuschwimmen. Auch hier verhinderte ein Großaufgebot der Feuerwehr mit Pumpen Schlimmeres.


"Abweichungen, wie wir sie erlebt haben, sind schwer zu prognostizieren"
Neben allen verfügbaren Feuerwehren wurden auch dutzende Kräfte des Roten Kreuzes, des Katastrophenschutzes und anderer Hilfsorganisationen alarmiert, die sich vor allem um die Versorgung der Einsatzkräfte mit Getränken und Essen kümmerten. Umliegende Tankstellen wurden in der Nacht von den Pächtern aufgeschlossen, um die Versorgung der Hilfskräfte zu gewährleisten. Feuerwehrleute und Anwohner sprachen vom größten Feuerwehreinsatz, den es im nördlichen Schleswig-Holstein bisher gab.
Erst vor drei Wochen war der Bereich um Kappeln nach einem Unwetter im Wasser versunken. Warum wurden diesmal wieder einige Landesteile geflutet und andere verschont? Die Gewitterfront sei von Dithmarschen nach Flensburg gezogen, erklärt Diplom-Meteorologe Rüdiger Brandt (44) von "Wetterwelt.de" in Kiel. "Es gab einen relativ schmalen Streifen, in dem sich das Unwetter von Südwesten nach Nordosten bewegte." Und selbst innerhalb dieser Extremwetterzone habe es unterschiedliche Niederschlagsmengen gegeben. "Es handelte sich um eine Front mit verschiedenen Gewitterzellen. Und in denen regnete es mit unterschiedlicher Intensität." So starke Niederschläge waren nicht vorhergesagt: "Es war mit Mengen von 15 bis 30 Litern pro Quadratmeter gerechnet worden. Abweichungen, wie wir sie jetzt erlebt haben, sind schwer zu prognostizieren", sagt Brandt.
 
von dpa, ksö, bno, shz.de
erstellt am 06.Sep.2011 | 12:17 Uhr